Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach
7. SINFONIEKONZERT
LISZT, BEETHOVEN & DOHNÁNYI
MEILENSTEINE
FRANZ LISZT: Ouvertüre zur Oper „Don Sanche ou Le château d’amour“ | S 1
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur op. 73 – „Emperor“
ERNST VON DOHNÁNYI: Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 9
Es gibt Werke in der Musikgeschichte, die innerhalb eines kompositorischen Œuvres eine Schwelle markieren: zwischen dem Originären und dem Erlernten, zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen dem Anspruch, Künstler zu sein, und dem Bewusstsein, Verantwortung für die musikalische Zukunft zu tragen. Die Biografie Franz Liszts ist reich an solchen Schlüsselwerken und Ereignissen, die sich als bahnbrechend, beeindruckend und visionär beschreiben lassen. Sein Weg vom gefeierten Wunderkind zum europäischen Virtuosen, vom Komponisten zum Erneuerer musikalischer Formen und schließlich zum geistigen Mittelpunkt einer ganzen Generation ist selbst eine Abfolge solcher Wegmarken.
Einer der frühesten „Meilensteine“ ist Liszts Oper „Don Sanche ou Le Château d’amour“, die 1825 in Paris uraufgeführt wurde. Liszt war gerade einmal 13 Jahre alt. Natürlich steht das Werk noch deutlich im Horizont der musikalischen Sprache seiner Zeit. Und doch ist seine Bedeutung kaum zu überschätzen: Mit „Don Sanche“ betritt der junge Liszt erstmals öffentlich jene Sphäre, in der aus musikalischer Begabung kompositorische Autorenschaft werden sollte. Ein ganz anderer „Meilenstein“ führt nach Bonn – und zurück zu jenem Komponisten, dessen revolutionäres Vermächtnis für Liszt zu einem lebenslangen Bezugspunkt werden sollte: Ludwig van Beethoven. Als 1845 das Beethoven-Denkmal in Bonn eingeweiht wurde, spielte Liszt selbst – im Rahmen eines Nachmittagskonzerts – Beethovens „Fünftes Klavierkonzert“. Das Ereignis besitzt eine tiefgreifende symbolische Dimension: Liszt, der als Pianist die Grenzen des technisch und musikalisch Möglichen verschoben hatte, stellte sich hier demonstrativ in die Nachfolge Beethovens. Zugleich machte er deutlich, dass Tradition für ihn niemals bloße Rückschau bedeutete, sondern Verpflichtung und Auftrag zugleich. Oder, zugespitzt formuliert: Ohne Beethoven wäre alles nichts!
Liszt verstand musikalische Größe zunehmend als etwas, das sich nicht im eigenen Werk erschöpft. Er wurde zum Vermittler, Förderer und institutionellen Gestalter – und damit selbst zum Ausgangspunkt für die nächste Generation. Besonders nachhaltig wirkte sein Einfluss auch in Ungarn. Die von ihm maßgeblich geprägte und später nach ihm benannte „Franz-Liszt-Musikakademie“ in Budapest entwickelte sich zu einem Zentrum der ungarischen Musikkultur. Hier führt die Linie dieses Sinfoniekonzerts unmittelbar zu Ernst von Dohnányi. Als Pianist und Komponist stand auch er in einer Tradition, die Liszt entscheidend geprägt hatte. Ein zentraler „Meilenstein“ in Dohnányis Biografie war schließlich die Übernahme der Leitung der Budapester „Franz-Liszt-Musikakademie“: 1934 wurde er zu deren Direktor berufen. Damit stand er an der Spitze einer Institution, die wie kaum eine andere für die musikalische Entwicklung Ungarns und zugleich für Liszts kulturpolitisches Vermächtnis stand. Auch in seiner monumentalen „Sinfonie Nr. 1 d-Moll“ op. 9 begegnet uns Dohnányi als Komponist an einer Schwelle. Das Werk ist tief in der spätromantischen Tradition verwurzelt und zeigt zugleich einen souveränen Umgang mit Form, Motivik und kontrapunktischer Verarbeitung. Seine musikalische Sprache steht deutlich unter dem Einfluss von Brahms und Strauss, lässt aber immer wieder auch das traditionsreiche ungarische Klangkolorit – all’ongarese – durchscheinen. Die „Erste Sinfonie“ offenbart einen klanggewaltigen Neoromantizismus, der gewissermaßen als Fortsetzung des 19. Jahrhunderts verstanden werden kann – allerdings unter Umgehung jener expressionistischen Wucht, mit der sich die musikalische Moderne des frühen 20. Jahrhunderts Bahn brach.
Conductor in Residence
Amadeus Wiesensee