Deckenleuchter im Theatersaal

Sinnlichkeit und sozialer Druck in "Frühlings Erwachen"

Ein Interview mit Regiesseurin Anna Magdalena Fitzi und Ausstatterin Verena Hemmerlein

Julia Thurn: Als du erfahren hast, dass du „Frühlings Erwachen“ am Landestheater Eisenach inszenieren wirst, welche Gedanken kamen dir in Hinblick auf das Stück als erstes in den Sinn?

Anna Magdalena Fitzi: Mein erster Gedanke war kein nostalgischer. Ich habe das Stück nicht als „Jugenddrama“ wahrgenommen, sondern als bittere Erwachsenen-Tragödie. Frühlings Erwachen erzählt für mich weniger vom Erwachsenwerden der Jugendlichen als vom Scheitern der Erwachsenen an ihrer Verantwortung. Sofort berührte mich die tiefe Einsamkeit der jungen Figuren – eine Einsamkeit, die nicht aus Unwissen entsteht, sondern aus dem bewussten Schweigen, Wegsehen und Moralisieren der Erwachsenenwelt. Wedekind schreibt kein Skandalstück, sondern ein Stück über Sprachlosigkeit. Über Menschen, die glauben zu schützen, indem sie verschweigen – und dabei zerstören. Diese Perspektive erschien mir heute erschreckend aktuell.

Thurn: Auch wenn wir gerade in einer Zeit leben, in der laut des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit die ersten sexuellen Kontakte immer später stattfinden und Teenager durch das Internet bestens über die Fortpflanzung informiert sind, welche Relevanz hat „Frühlings Erwachen“ für dich im 21. Jahrhundert noch?

Fitzi: Information ersetzt keine Beziehung. Wissen ersetzt kein Gespräch. Und genau dort liegt für mich die ungebrochene Relevanz des Stückes. „Frühlings Erwachen“ handelt nicht vom Mangel an Fakten, sondern vom Mangel an empathischer Begleitung. Auch heute erleben junge Menschen Erwachsene, die überfordert sind von der Lebendigkeit, der Körperlichkeit, der Widersprüchlichkeit der Jugend. Die Tragödie entsteht nicht, weil die Jugendlichen zu wenig wissen – sondern weil sie allein gelassen werden mit ihren Fragen, ihren Ängsten, ihrer Schuld. Wedekinds Text berührt einen existenziellen Punkt: Wie gehen Gesellschaften mit dem Unkontrollierbaren um? Mit Begehren, Scheitern, Tod? Diese Fragen sind zeitlos. Die Formen ändern sich, die Strukturen dahinter kaum.

Thurn: Auf der Bühne befinden sich ein Karussell und diverse Spielebuden. Die Ausstattung versprüht die Atmosphäre von Lost- Place und Jahrmarkt. Wieso habt Ihr Euch für diese Optik entschieden?

Fitzi: Der Jahrmarkt ist ein Ort der Verheißung und der Täuschung. Ein Ort der Bewegung, des Lärms, der Farben – und zugleich ein Ort, an dem nichts wirklich bleibt. Mich interessierte diese Ambivalenz sehr.
Das Karussell steht für das Kreisen, für das Wiederholen von Mustern, für eine Gesellschaft, die sich bewegt, ohne voranzukommen. Die Spielebuden versprechen Gewinn, doch die Regeln sind undurchsichtig, oft unfair. Als Lost Place gelesen, erzählt diese Welt auch von etwas Verlassenem: von einer Erwachsenenordnung, die ihre Schutzfunktion verloren hat. Die Jugendlichen bewegen sich durch eine Landschaft, die ihnen Vergnügen vorgaukelt, aber keine Orientierung mehr bietet. Diese Bühne ist kein realistischer Ort – sie ist ein seelischer Zustand.

Verena Hemmerlein: Das Bühnenbild wechselt mit Hilfe von Licht und Ton zwischen mehreren Erzählebenen: der Gegenwart, der Vergangenheit und einer übergeordneten, archetypischen Ebene.
Durch Veränderung der Stimmung befinden wir uns zuweilen im glückverheißenden Jahrmarktstreiben, im nächsten Moment an einem „Lost Place“, der einsam im rauen Wind und Nebel eines Novembertages liegt. Diese Setzung ist ein Sinnbild für das Leben in all seinen Facetten zwischen Lebenstrieb und Todessehnsucht, Lust und Verlust, ein Bild für den ewigen Kreislauf und von Werden und Vergehen. Der Jahrmarkt spiegelt die Sehnsucht des Menschen, das Leben wenigstens für einen Augenblick unbeschwert zu genießen, aus dem Alltag auszubrechen. Ihn umschwebt der Reiz des Unvernünftigen, der Sensation und auch Gefahr. Hier ist jedoch nichts echt und von Bestand. Als „Lost Place“ erzählt er von Verlassenheit und der Vergänglichkeit unseres Daseins. Oft fühlen sich gerade Jugendliche zu solchen Orten hingezogen, wenn sie der geordneten Welt und der Beobachtung durch Erwachsene entfliehen wollen, um sich zu spüren, zu reiben, auszuprobieren.

Thurn: Du erwähnst oft die Wichtigkeit des Zirkus für Wedekind und sein Schaffen. Wo siehst Du die Verbindung zwischen Zirkus und „Frühlings Erwachen“?

Fitzi: Der Zirkus ist ein Ort des Ausnahmezustands. Dort gelten andere Regeln, Körper werden ausgestellt, Risiken eingegangen, Grenzen überschritten. Gleichzeitig ist er streng organisiert, hierarchisch, diszipliniert. Diese Spannung finde ich auch in „Frühlings Erwachen“. Die Jugendlichen sind wie Artisten ohne Netz. Sie müssen sich ausprobieren, fallen, riskieren – während die Erwachsenen zuschauen, bewerten, aber nicht eingreifen. Wedekinds Nähe zum Zirkus ist für mich kein Zufall: Beide Welten verhandeln Öffentlichkeit und Intimität, Schaulust und Verletzlichkeit. Das „Lulu“-Zitat verweist auf eine Linie in Wedekinds Denken: auf Figuren, die an gesellschaftlichen Zuschreibungen zerbrechen, weil sie zu lebendig, zu sinnlich, zu wahrhaftig sind. Der Zirkus wird so zum Spiegel einer Gesellschaft, die das Abweichende fasziniert betrachtet – und zugleich vernichtet.

Thurn: Wedekind lässt in seinem Drama den natürlichen Trieb über den sozialen Druck siegen. In welchem Verhältnis stehen für Dich Natur und Gesellschaft in diesem Stück?

Fitzi: Die Natur in „Frühlings Erwachen“ ist keine idyllische, romantische Größe. Sie ist roh, widersprüchlich, unberechenbar. Die Gesellschaft ist ihr nicht gewachsen; sie versucht, diese Kraft zu kontrollieren, zu normieren, zu ersticken. Doch je stärker der Druck, desto gewaltsamer der Ausbruch. Die Erwachsenen in diesem Stück haben Angst vor der Natur – vor der eigenen ebenso wie vor der der Jugendlichen. Diese Angst erzeugt Regeln, Moral, Strafen. Und genau darin liegt die Tragödie: Nicht die Sexualität zerstört die jungen Menschen, sondern der Versuch, sie zu unterdrücken. Für mich erzählt Wedekind davon, dass Weisheit nicht im Beherrschen liegt, sondern im Begleiten. Und dass Gesellschaft dort scheitert, wo sie das Lebendige nicht aushält.